Wer im Herbst durch Weinbaugebiete wie die Mosel, das Douro-Tal oder die Wachau fährt, kennt den Anblick: Reben, die sich in schmalen, gestuften Bändern die steilen Hänge hinaufziehen, gehalten von jahrhundertealten Trockenmauern. Diese Terrassenlandschaften zählen zu den ältesten Formen der Landbewirtschaftung überhaupt – manche Anlagen gehen auf römische oder sogar noch frühere Zeiten zurück und wurden seither über Generationen hinweg von Hand gepflegt, ausgebessert und weitergegeben. Sie entstehen dort, wo ein Hang zu steil ist, um ihn in seiner natürlichen Form zu bewirtschaften, aber zugleich ein Mikroklima oder eine Bodenqualität bietet, die für den Weinbau zu wertvoll ist, um sie ungenutzt zu lassen. Das Ergebnis ist eine der arbeitsintensivsten, aber auch charaktervollsten Formen des Weinbaus: Jede Terrasse wird meist noch heute in reiner Handarbeit gepflegt, von der Laubarbeit bis zur Lese, weil Maschinen auf den schmalen, gestuften Flächen schlicht keinen Platz finden.
Auch bei uns, der Lembergerland Kellerei, prägt dieses Prinzip die Arbeit im Weinberg. Unsere Steillagen im Enztal erreichen an manchen Stellen eine Steigung von bis zu 80 Prozent – Flächen, die ohne Terrassierung schlicht nicht zu bewirtschaften wären. Die Terrassen gliedern einen durchgehend steilen Hang in eine Abfolge kleinerer, annähernd ebener Stufen. Das schafft erst die Voraussetzung, um solche Lagen überhaupt dauerhaft zu pflegen: Erosion wird gebremst, Regenwasser kann eher versickern statt ungenutzt abzufließen, und die tragenden Trockenmauern speichern tagsüber Wärme, die sie nachts an die Reben abgeben – ein Effekt, der die Reifung der Trauben spürbar begünstigt. Weil die Mauern ohne Mörtel geschichtet sind, kann Wasser zudem ungehindert durch die Fugen abfließen, was Staunässe verhindert und die Steinzwischenräume dienen zugleich als Lebensraum für Eidechsen und Insekten.
Dr. Hermann J. Tillmann von der ITLA
Wie bedeutsam solche terrassierten Kulturlandschaften weltweit sind, machte kürzlich Dr. Hermann J. Tillmann beim Herbst-Stammtisch 2026 des Steillagenkollektivs deutlich. Tillmann ist Koordinator der International Terraced Landscapes Alliance (ITLA), der weltweit wichtigsten zivilgesellschaftlichen Initiative zum Schutz, Erhalt und zur Förderung terrassierter Landschaften und der mit ihnen verbundenen Kulturen.
Die ITLA wurde im November 2010 im chinesischen Mengzi (Provinz Yunnan) im Rahmen der ersten Weltkonferenz für terrassierte Landschaften gegründet. Seitdem haben die Mitglieder weitere Konferenzen in Peru, Italien und auf den Kanarischen Inseln ausgerichtet. Heute bringen rund 270 Mitglieder ihre interdisziplinäre Expertise ein, um sich für terrassierte Landschaften und die Menschen einzusetzen, die dort bis heute leben und arbeiten. Um dieses Wissen breiter zugänglich zu machen, arbeitet die ITLA zudem an einer eigenen, frei zugänglichen Open-Access-Fachzeitschrift, die sich ausschließlich terrassierten Landschaften widmet.
Wein aus der Steillage
Diese Verbindung aus Steillage, Handwerk und Heimat trägt unsere 401-Weinfamilie im Namen – benannt nach den 401 Stäffele, den Treppenstufen unserer terrassierten Weinberge vom Enzufer bis zum höchsten Punkt der Steillagen in Rosswag. Drei Lemberger-Weine gehören dazu: der 401 Lemberger trocken, feurig und kraftvoll; der 401 Lemberger Rosé trocken, lebendig und fruchtig; sowie der 401 Lemberger Weiß trocken, klar und elegant.


